Wir schreiben das Jahr 2020. Die drei Ubermind-Autoren — Josef, Dennis und Sebastian — stehen mitten im Leben. Und an einem bitterkalten Wintertag gelangen sie zu einer ebenso bitteren Erkenntnis: Es bleibt schlichtweg keine Zeit mehr für das Recherchieren und Schreiben von Ubermind-Artikeln.
Als wir Ubermind 2016 als Studenten starteten, hatten wir freie Abende, lange Wochenenden und das Gefühl, Zeit sei eine unendliche Ressource. Davon war nun reichlich wenig übrig geblieben. Doch ganz aufhören konnten wir auch nicht. Schließlich war der Drang, Dinge auszuprobieren und darüber zu berichten, nie wirklich verschwunden.
Daher die Idee: Wir treffen uns stattdessen einmal im Monat online, teilen, was wir gerade machen, geben uns gegenseitig Feedback und unterstützen uns mit neuen Perspektiven und frischer Motivation. Wir nannten das Ganze damals „Mastermind-Gruppe“, einfach weil es gut klang. Drei Leute, die sich gegenseitig besser machen und zu Höchstleistungen pushen.
Was sollte schon schiefgehen?
Heute, sechs Jahre und 30 Treffen später, können wir offen sagen: alles!
Es hat nicht funktioniert.
Zumindest nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten.
Was wir nämlich rückblickend nicht hatten: irgendeinen Plan. Wir hatten keine Agenda. Keinen Moderator. Keine Regeln. Wir wussten nicht einmal, was ein „Mastermind“ eigentlich ist. Und anstatt das Konzept erst einmal gründlich zu recherchieren — wie wir es bei jedem einzelnen unserer Artikel getan hätten — verließen wir uns auf eine vage Vorstellung.
Apropos Artikelrecherche. Bei der Recherche für diesen Artikel haben wir das Thema natürlich gründlich unter die Lupe genommen:
Hot Seat, Accountability, Moderator. Drei Zutaten und recht simpel. Doch wir hatten nichts davon. Die Summe unserer Teile blieb daher sechs Jahre lang nahezu dieselbe…
Die Phasen unserer Mastermind-Gruppe — Aller guten Dinge sind drei?
Unsere Treffen haben sich im Laufe der Zeit mehrfach gehäutet: von einer Newsletter-Maschine über eine reine Update-Runde bis hin zu etwas, das wir irgendwann „Braintrust“ nannten. Nichts davon war geplant. Nichts davon war wirklich eine Mastermind-Gruppe. Aber jede dieser Phasen war eine Anpassung an das, was wir gerade gebraucht haben.
Mastermind Phase 1: Die Newsletter-Maschine (2020–2022)
In den ersten zwei Jahren hatten unsere Treffen zwei klare Nebenfunktionen: sich nicht aus den Augen zu verlieren und während des Treffens gemeinsam einen Ubermind-Newsletter zu verfassen. Jeder brachte mit, was er gerade ausprobiert, gelesen oder gedacht hatte. Daraus wurde ein Text, der direkt an unsere Leser gerichtet war. Jede Ausgabe hatte ein Hauptthema — Denkfehler, Gewohnheiten, Koffein, Second Brain. Zehn dieser Newsletter entstanden zwischen 2020 und 2022.
Das hat auch so weit funktioniert. Das Treffen gab uns einen Grund, uns vorzubereiten; es lieferte ein greifbares Ergebnis, und unsere Abonnenten erhielten weiterhin einen Newsletter mit Mehrwert. Nur: Von einem Mastermind war weit und breit keine Spur. Es war stattdessen eine Redaktionssitzung mit guten Kollegen. Wir haben zusammen produziert und gelacht, aber selten an den Problemen des jeweils anderen gearbeitet. Oft ging es eher darum, herauszufinden, welche Gedanken berichtenswert sind, als darum, welche uns wirklich gegenseitig weiterhelfen.
Irgendwann wurde uns das dann auch zu viel, und so schlief der Newsletter ein.
Die Treffen blieben. Nur das Format nicht.
Mastermind Phase 2: Die Statusrunde (2022–2025)
Aufgrund der zunehmenden Verantwortlichkeiten im Beruf und in der Familie trafen wir uns jetzt nur noch alle zwei Monate. Daher gab es noch mehr Updates aus dem Leben zu berichten. Ohne den Newsletter als Ankerpunkt verwandelten sich unsere Meetings daher in reine Statusrunden. Jeder hatte dafür sein eigenes System. Bei Dennis waren es: Geist, Körper, Seele, Spiel, Beruf und Stimme. Sebastian hatte: Healthy, Wealthy, Wise. Josef wechselte durch verschiedene Systeme. Wir boxten diese Systeme in jedem Meeting einfach stur durch. Kategorie für Kategorie. „Was gibt’s Neues?“
Das war auch nicht schlecht. Im Gegenteil. Es war oft schön. Josefs Startup-Verkauf. Sebastians Examen. Dennis’ Sohn. Das waren echte Momente. Aber es waren Berichte. Keine Fragen. Keine Probleme auf dem Tisch. Selten hat sich jemand getraut, zuzugeben: „Ich stecke fest und brauche eure Hilfe.“ Dafür war das Format nicht gebaut — und wenn ein Format nicht zu etwas einlädt, passiert es auch nicht.
So kam es letztlich zu folgendem ernüchternden Ergebnis über 6 Jahre Mastermind-Gruppe: 87% der Zeit waren unsere Meetings reine Statusupdates. In keinem einzigen Meeting hatten wir echte Hot Seats. Nur fünfmal überhaupt hatte jemand um Hilfe gebeten, statt nur Updates zu geben. Wir haben uns zwar gegenseitig Tipps gegeben und auch gegenseitig positiv beeinflusst, aber wir haben nie wirklich konkrete Probleme analysiert und gelöst.
Wie ist das möglich? Warum haben wir das so lange nicht gemerkt?
Die ehrliche Antwort: Weil Status-Updates angenehm sind. Man muss sich kaum vorbereiten. Kein Problem formulieren. Sich nicht verletzlich machen. Man erzählt einfach, was man so macht, bekommt ein paar nette Reaktionen und geht mit einem guten Gefühl raus.
Ein echter Mastermind ist das Gegenteil davon. Man muss sich im Vorhinein Gedanken machen. Man muss eine scharfe Frage formulieren. Über seinen Schatten springen und zugeben, dass man feststeckt. Und dann muss man zuhören, was andere dazu sagen — und es tatsächlich umsetzen.
Das ist unbequem. Und unbequeme Dinge passieren nicht von alleine. Sie müssen gestaltet werden.
Mastermind Phase 3: Der “Braintrust” (2026)
Ironischerweise hatten wir den Beweis längst vorliegen, wie es besser gehen könnte. Denn im März 2022 — Meeting Nr. 13 — hatte Dennis eine Wette vorgeschlagen: „Ich will abnehmen und ich werde bis zum nächsten Treffen auf 91 kg runterkommen; sonst kaufe ich euch beiden Bücher für je 100 €.“ Ein Monat später stand Dennis mit exakt 90,8 Kilo im Call. Ziel erreicht. Es war eines der wenigen Male in sechs Jahren, in denen unser Treffen tatsächlich etwas Konkretes gelöst hat, statt nur Seifenblasen zu produzieren. Doch danach haben wir es nie wiederholt.
Bis jetzt!
Anfang 2026 schlug Josef erstmals seit der Newsletter-Phase vor, wieder ein anderes Format zu wählen. Meeting 28 hatte daher eine komplett andere Schablone. Wir nahmen uns nun vor, über Quartalsziele, Lead-Maßnahmen und unsere größten Blocker zu sprechen. Und dazu kam noch eine konkrete Frage an den „Braintrust.“
»Wie schaffe ich es, langfristig Sport gegenüber der Arbeit zu priorisieren?«, wollte Josef wissen.
»Wie vermarkte ich mein Buch am besten?«, fragte Dennis.
»Wie bleibe ich langfristig am Ball bei meinen Zielen?« war Sebastians Frage.
Ein erster Versuch, der uns wirklich in Richtung einer Mastermind-Gruppe brachte. Im letzten Meeting Anfang Mai lief es dann noch besser. Dennis hatte sich nun intensiver mit dem Thema beschäftigt, und zum ersten Mal hatten wir einen konkreten Plan für die Gruppe erarbeitet. Jeder von uns entscheidet nun vor dem Meeting, ob er dieses Mal nur ein Statusupdate gibt, etwas Cooles präsentiert oder eben 30 Minuten in den Hot Seat will.
Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Aber es verändert alles — weil es die Verantwortung für das Format auf jedes einzelne Mitglied überträgt. Ob es langfristig funktioniert, wissen wir noch nicht. Meeting 30 steht im Juni an. Aber mit unserem neuen Wissen gewappnet sind wir guter Dinge.
Das Ubermind-Format
Sechs Jahre, rund 30 Treffen, keine einzige echte Mastermind-Session. Eine echte Katastrophe?
Vielleicht muss man es anders betrachten.
2020 waren wir drei Typen mit einem Blog. 2026 ist Josef Vater von zwei Kindern und hat zwei Firmen gegründet. Sebastian hat zwei Staatsexamina bestanden, geheiratet und lebt in Frankfurt. Dennis hat einen Sohn, ein Haus, ein 1000-seitiges Buch verfasst und über 130 englische Essays veröffentlicht.
Sechs Jahre, in denen sich fast alles verändert hat. Durch diese Umbrüche hindurch gab es ein Treffen, bei dem die anderen beiden davon erfahren haben. Nicht per generischen WhatsApp-Verteiler. Nicht gefiltert auf LinkedIn oder Instagram. Sondern live. Mit Kontext. Mit Rückfragen. Sebastian hat nicht aus einem Feed erfahren, dass Dennis Vater wird. Josef hat nicht zufällig irgendwo gelesen, dass Sebastian den Job gewechselt hat. Dennis hat nie aus zweiter Hand davon gehört, dass Josef seine Firma verkauft hat.
Das klingt unspektakulär. Ist es aber nicht.
In einer Zeit, in der viele Freundschaften ab 30 langsam ausdünnen — weniger Treffen, weniger Tiefe, irgendwann nur noch Geburtstagsgrüße — hatten wir einen festen Ort. Alle zwei Monate. Drei Leute, die sich Zeit nehmen und ehrlich erzählen, was gerade los ist. Nicht für Social Media, einen Blog oder sonstige Außenwirkung. Sondern füreinander.
Was wir bis Ende 2025 praktiziert haben, war definitiv keine Mastermind-Gruppe. Es war eine Mischung aus Freundschaftstreffen, Statusrunden und einer “Community of Practice”. Aber vielleicht war genau das der Grund, warum wir das Format immer wieder verbogen statt zerbrochen haben — und warum es sechs Jahre überlebt hat.
Vielleicht sollten wir es daher einfach das Ubermind-Format nennen.
6 Learnings aus 6 Jahren Mastermind-Gruppe
Aus Fehlschlägen lernt man oft mehr als aus Erfolgen. Die letzten sechs Jahre in einer „Mastermind-Gruppe“ haben uns einiges beigebracht.
Struktur entsteht nicht von selbst — auch nicht bei Menschen, die sich viel mit Selbstoptimierung beschäftigen. Wir haben es Mastermind genannt, weil es gut klang. Aber ein Name macht noch kein Format. Ein Mastermind hat eine klare Struktur: Hot Seats, Accountability, Vorbereitung und Moderation. Das wussten wir nicht. Und was man nicht kennt, kann man nicht bauen.
Stattdessen sind wir automatisch im einfachsten Modus gelandet. Status-Updates. Nicht weil wir faul waren, sondern weil es der Pfad des geringsten Widerstands ist. Man erzählt, was man gemacht hat. Man bekommt ein paar Reaktionen. Und das war’s. Das eigentliche Arbeiten an Problemen ist unbequemer. Und ohne ein Format, das genau dazu einlädt, passiert es nicht.
Das einzige Mal, als unser Treffen wirklich etwas verändert hat, war diese eine Wette. Ein klares Ziel, eine Deadline, eine echte Konsequenz. Accountability funktioniert — wenn sie Zähne hat. Ohne diese „Zähne“ bleibt jedes Commitment jedoch ein bloßer Vorsatz, der sich gut anfühlt, aber genauso schnell auch wieder verschwindet.
Rückblickend war genau das vielleicht der Wert dieses Experiments. Hätten wir von Anfang an das „richtige“ Format gehabt, hätten wir nie verstanden, warum es überhaupt funktioniert. Wir hätten es einfach benutzt, ohne zu sehen, was darunter lag.
Was wir zudem unterschätzt haben: den Takt. Alle zwei Monate klingt entspannt. In der Praxis bedeutet das, dass jedes Treffen ein Neustart ist. Zu viel passiert dazwischen. Zu wenig bleibt hängen. Eine Accountability-Schleife ohne Gedächtnis. Das war definitiv ein Nachteil.
Und gleichzeitig zeigt genau das auch etwas anderes. Das Wertvollste an unserer Gruppe war vielleicht gar nie die Methode. Es war die Konstanz. Sechs Jahre lang immer wieder auftauchen, zuhören, teilen. Das Format war oft mittelmäßig. Unsere Bereitschaft, da zu sein, war es nicht.
10 Jahre Ubermind
Der 21. Mai 2016. Ein Datum, das für uns mehr ist als nur der Start eines Blogs. Drei Leute, die Spaß an Experimenten haben und neugierig genug sind, ihre eigenen Versuche öffentlich zu machen. Zehn Jahre später ist unser längstes Experiment zugleich das widersprüchlichste. Sechs Jahre „Mastermind“. 87 Prozent Status-Updates. Keine echten Hot Seats. Ein Thema — das Gewicht — das immer wieder auftaucht und nie wirklich gelöst wird. Wenn man es daran misst, ist dieses Experiment genial gescheitert.
Und trotzdem hat es etwas anderes geschafft. Es hat uns zusammengehalten. Es hat dafür gesorgt, dass wir immer wieder auftauchen. Dass wir nicht nur nebeneinander leben, sondern auch voneinander wissen. Und jetzt, wo wir langsam verstehen, was gefehlt hat, machen wir genau das, was wir seit zehn Jahren tun, wenn etwas nicht funktioniert hat:
Wir probieren’s nochmal.
Uberstrategie - Mache jetzt deinen ersten Schritt
Du triffst dich regelmäßig mit anderen Leuten in einem Mastermind? Stell beim nächsten Mal nur eine konkrete Frage, bei der du Hilfe brauchst. Nicht berichten. Fragen.
Dennis schreibt auf Scale-Smart Productivity über Produktivität und persönliches Wissensmanagement. Sebastian arbeitet als Jurist in Frankfurt. Josef baut mit Sonntag Energy an der Energiewende mit. Die drei treffen sich seit 2020 — und jetzt zum ersten Mal mit einem Plan.

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